Bis heute wurde noch kein Besserverdiener dafür beglückwünscht, dass er besonders viele Steuern an den Staat zahlt. Im Gegenteil: Allenthalben wird die Forderung laut, diejenigen, die ohnehin schon am meisten zur Finanzierung des Gemeinwesens beitragen, noch weiter zu besteuern. So als ob sie ihr hohes Einkommen allesamt auf kriminellem Wege erworben hätten. Als ob Erfolg etwas Unethisches wäre, dessen man sich gefälligst schämen sollte. Als ob Besitz hieße, der Gesellschaft etwas widerrechtlich vorzuenthalten.
Besserverdiener – schon der Begriff ist für viele ein Schimpfwort. Wir sind eine Neidgesellschaft. Eine Gesellschaft von Neidern. Natürlich werden die Wortführer der Missgunst ihren Neid niemals zugeben. Sie schwadronieren lieber von Pflicht, von gerechtem Ausgleich, von Verantwortung und gesellschaftlicher Solidarität. Neider behaupten und glauben wahrscheinlich auch, dass ihnen großes Unrecht geschehen sei, weil sie selbst nicht den Erfolg hatten, den sie nun anderen nicht gönnen. Intrigen, Mobbing, gemeine Gerüchte – sie alle finden ihre Ursache im Neid, der für mich noch viel schlimmer ist als der Hass. Denn der wird wenigstens zugegeben.
Neid ist keineswegs eine neumodische Regung. Die ersten, die sich damit beschäftigt haben, waren die alten Griechen. Sie entdeckten, dass es immer wieder Streit gab zwischen denen, die etwas besaßen, und denen, die weniger hatten. Denn die Besitzenden wollten nicht teilen, und die Habenichtse wollten immer etwas abhaben. Geiz und Neid waren also die Auslöser des Streits, wobei für die Griechen das eigentliche Problem beim Neid lag. Für sie war Neid eine Krankheit. Also beschlossen sie etwa 600 vor Christus, den Besitz der Menschen gleichmäßig zu verteilen, um zu sehen, ob die Krankheit Neid verschwinden würde. Doch die Menschen blieben neidisch: Trotz der gleichen Verteilung der Güter hatten sie immer noch das Gefühl, zu kurz zu kommen, denn ein jeder meinte, dass ihm aufgrund seiner ganz besonderen Umstände mehr zustehen müsse als den anderen. Die Krankheit Neid blieb, die Gleichverteilung – die Griechen nannten sie übrigens „soziale Gerechtigkeit“ – wurde wieder abgeschafft.
Wir verdanken den Griechen nicht nur dieses aufschlussreiche Experiment, sondern auch die Unterscheidung dreier verschiedener Neidarten. Die erste Form ist der sogenannte Ohnmachtsneid. „Ich komme immer zu kurz“ – so oder ähnlich argumentiert der ohnmächtige Neider. Er leidet. Es schmerzt ihn, wenn andere mehr als er besitzen. Allerdings täuscht der arme Kerl sich sehr, wenn er den Grund für diesen Schmerz beim anderen sucht und nicht bei sich selbst.
Die zweite Sorte Neid nannten die Griechen Verlustneid, die sich zum Beispiel in Verwünschungen äußert wie: „Soll er doch ersticken an seinem Besitz.“ Diese Form der Missgunst wünscht dem Beneideten den Verlust seines Reichtums oder gleich die sprichwörtliche Pest an den Hals. Thomas von Aquin kannte diese Form des Neides ebenfalls sehr genau: Aus ihr würden Schadenfreude, Hass und Ohrenbläserei – eine besonders boshafte Form des Tratsches – entstehen, so der Kirchenlehrer.
Beide Formen des Neids sind schädlich, sie zerfressen den Neider von innen und zerstören den gesellschaftlichen Zusammenhalt. In der dritten Neidform entdeckten die alten Griechen jedoch etwas Positives. Der sogenannte Ehrgeizneid führt nämlich zu verstärkten eigenen Anstrengungen. Der
Ehrgeizneider missgönnt dem anderen nicht seinen Besitz, sondern will mit ihm gleichziehen. Adam Smith befand im 18. Jahrhundert diese Form des Neides für sehr nützlich, weil er den Wettbewerb fördert und damit das Wirtschaftswachstum. Das gilt bis heute, ebenso, dass davon nicht alle gleichermaßen profitieren.
Anlass zu Neid gibt es also immer wieder. Vielleicht können wir ihn also nicht
beseitigen, aber wir können versuchen, die positiven Energien des Neids als Ansporn zu nutzen und die negativen Auswirkungenzu bekämpfen. Viel Erfolg dabei!
Ulf D. Posé C
Präsident des Ethikverbandes der
DeutschenWirtschaft e.V.,
pose@ethikverband.de