Zwischen Verbrechen und Vertrautem - das Ornament
Callwey legt Pilot- und Praxisbuch zur Geschichte und modernen Anwendung des Ornaments vor Was uns 50.000 Jahre lang näher war, als die eigene Halsschlagader - so ein orientalisches Sprichwort - erlebt gerade eine Renaissance: das Ornament. Hundert Jahre lang hat die westliche Kultur alles, was mit Ornament zu tun hatte, mit dem Bann des Geistlosen, Minderwertigen und Überflüssigen belegt. Adolf Loos’ Verdikt etwa lautete verkürzt: „Ornament ist Verbrechen.“ Vergleichbar mit einem abgetauchten Riesenkoloss taucht das Ornament nun plötzlich wieder auf. Näher betrachtet praktizieren aber die Architekten, Künstler und Designer längst ein neues Ornament. Das fiel kaum auf, da es sich grundsätzlich vom Ornament, das es davor gab, unterscheidet. Es präsentiert sich als Ordnungsschema und Raster und nicht mehr als Schmuck oder Deko: Punktraster von Roy Lichtenstein, Bandraster von Daniel Buren und die ewige Wiederholung von Quadratrastern auf den Fassaden aller namhaften Architekten sind deshalb keine Laune von Einzelnen, sondern Highlights eines durchgängigen Bekenntnisses zu diesem neuen Ornament. Diese Beobachtung machte schon der Systemtheoretiker Niclas Luhmann, wenn er sagt, jegliche Anordnung von Formen ist ornamental. Formen sind heute Linien, Punkte, Quadrate und Dreiecke und nicht mehr Blattranken und Jugendstilpflanzen. Daher fällt heute der Vergleich mit dem Ornament vor 100 Jahren so schwer, genauso wie die Erkenntnis, dass Arbeiten mit Ordnungsprinzipien zwangsläufig auch ornamentalen Charakter haben. Ist diese Erkenntnis einmal durchgedrungen, dann wirkt das wie eine Befreiung. Viele optische Fragen klären sich plötzlich und der Blick geht in eine offene, verspielte und doch geordnete Welt. Noch ist die Beschäftigung mit dem Ornament unkoordiniert, die Historiker können kaum etwas mit der heutigen Praxis anfangen, die Ethnokulturen sehen noch keine Zusammenhänge zwischen ihrer und der modernen Kunst, und Designer und Architekten begreifen ihr Tun nur zögerlich als Arbeit am modernen Ornament. In den letzten hundert Jahren ist aber gerade und trotz seiner Ächtung ein neues Ornament entstanden, das genauso interessant ist wie die gigantische 50.000 Jahre alte weltweite Tradition davor. Dankenswerterweise ist das Autoren-Paar Claudia und Thomas Weil das Wagnis eingegangen, trotz aller Wenn und Abers ein Pilot-Buch zu schreiben, das erstmals das Ornament im Gesamtzusammenhang beleuchtet und dies mit praktischen Beispielen aus der Architektur illustriert. Es gliedert sich in drei Teile: Geschichtlicher Teil, Teil mit eigenen ornamentalen Neuentwicklungen, Teil mit eigener Realisierung in Architektur, Kunst und Design. Prädestiniert für diese Aufgabe sind die Autoren durch ihre dreißigjährige Praxis in Sachen Ornament. Entstanden ist so ein Sachbuch, das zum einen den ersten Versuch einer Geschichtsschreibung, inhaltlichen Deutung und Klassifizierung des Ornaments macht sowie das Weltkulturerbe des Ornaments zu ordnen. Zum anderen gibt das Buch einen Überblick über die gebräuchlichsten Achteck-Konstruktionen, erläutert, wie man mit geometrischen Achteck-Konstruktionen ein modernes Ornament etabliert präsentiert Arbeiten und Ergebnisse transparent und nachvollziehbar. Claudia und Thomas Weil weisen ausdrücklich darauf hin, dass die Abhandlung auch Einschränkungen in Kauf nehmen musste - bei der Fülle an Stoff nur zu verständlich. So ist die Sammlung des Weltkulturerbes Ornament allgemein und der klassischen Achteck-Konstruktionen nicht vollständig. Das kann und wird auch in Zukunft nicht möglich sein. Die Neuentwicklung umfasst keine Dreieck- und Quadrat-, sondern nur Achteck-Konstruktionen, und davon vorwiegend geometrische und weniger organische Ausarbeitungen. Die gezeigten Projekte sind Arbeiten des Atelier Weil. Über Jahre hinweg sind von den beiden Künstlern über 1000 (!) zeitgemäße Ornamente entwickelt worden. Dem Buch ist eine große Verbreitung bei Malern, Architekten, Designern, Grafikern zu wünschen. Nicht zuletzt deshalb, um die begonnene Diskussion weiter zu beleben. Das Ornament jedenfalls, so viel ist nach der Lektüre des Buches klar, begleitet uns auf Schritt und Tritt. Da muss auch Adolf Loos akzeptieren, dass 50.000 Jahre Tradition doch schwerer wiegen als sein Urteilsspruch. Über die Autoren Thomas Weil ist Künstler und Architekt und entwickelt seit 30 Jahren eine neue Ornamentik. Ausgangspunkt dafür waren mehrere Reisen in den islamischen Orient wie Südspanien, Persien, Ägypten und Saudi-Arabien. Waren es früher mehr Teppich-, Stoff- und Keramik-Kollektionen, sind es heute vor allem Kunst-am-Bau-Projekte, die diese neue ornamentale Handschrift zeigen. Zahlreiche Veröffentlichungen, Lehraufträge und Vorträge machen das Thema publik. Seit 1996 hat er eine Ateliergemeinschaft mit Claudia Weil. Die Kunsterzieherin ist für die digitale Aufarbeitung der Ornamente und ihre mediale Verbreitung zuständig. Seitdem sind zahlreiche Projekte verwirklicht worden wie Karstadt (Gütersloh), No Limit (Berlin), das Europäische Patentamt (München), Pan-Klinik, Hafenamt, Postbank und McKinsey (alle Köln). Claudia und Thomas Weil Ornament in Architektur, Kunst und Design Zweisprachig Deutsch/Englisch 2004. 144 Seiten, ca. 230 farbige Abbildungen. 23 x 29,7. Gebunden mit Schutzumschlag. € [D] 68,-; € [A] 70,-; SFr 115,- ISBN 3-7667-1619-0
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